Kurzgeschiche …

… aus einem anatolischen Dorf

KOKON

MEIN LEBEN

Hallo, mein Name ist Oksan Yüksel Yilmaz, ich bin 36 Jahre alt.
Ich möchte Ihnen meine Geschichte erzählen:

Ich bin 1973 in der Türkei geboren, ich komme aus der Stadt Nevsehir, in
Mittelanatolien, wo auch das weltberühmte Kappadokien “zu Hause” ist. Mein Dorf
heißt Yesilyurt, übersetzt bedeutet das “Grünes Land”, was auch der Wahrheit
entspricht.

Unser Dorf stellt die ganze Schönheit mit ihrer Fruchtbarkeit Mittelanatoliens dar.
Durch unser Dorf fließt der große Fluss Kizilirmak, der mit seiner Mächtigkeit
begeistert.

Entlang des Flusses Kizilirmak ist ein kleiner Wald entstanden.
Zahlreiche Pflanzensorten und Tierarten sind hier zu Hause. In den warmen
Sommertagen ist es dort sehr bezaubernd. Ich habe hier bis zu meinem fünften
Lebensjahr gelebt. Meine Erinnerungen sind schwach, aber ich kann mich an einige
schöne Augenblicke sehr gut erinnern, so als würde ich sie noch einmal erleben. Ich
habe in diesem Dorf meine erste glückliche Zeit als Kleinkind erlebt. Ich bin somit ein
“Dorfkind”. Ich habe dieses Wort immer geliebt: “Dorfkind”. Es erinnert mich immer an
die natürliche Liebe, an die Romantik, wie an die türkische Sagen: “Ferhat ile Sirin”,
“Leyla ile Mecnum”, ähnlich wie “Romeo und Julia”.

Vater war der Einzige in der Familie, der Deutsch konnte. Seine Deutschkenntnisse
gingen aber nicht über drei bis vier Sätze hinaus.

Nicht nur wir Migranten haben uns integriert, es gab sogar eine Person in unserer
Nähe, die, obwohl Deutscher, sich bei uns freiwillig integriert hat:
Dieser besondere Mensch war der liebe Chef meines Vaters. Er war so lieb, so
kulant zu seinen türkischen Mitarbeitern, dass er seine korrekte deutsche
Sprechweise so umstellte, damit diese ihn verstanden. Von Anfang an sprach er
langsam, deutlich und mit einem fast türkischen Akzent.

Mit der Zeit erlernte ich durch häufiges Lesen die deutsche Sprache und wurde eine
der Besten in der Klasse. Ich selber habe auch nicht verstanden, wie schnell ich die
deutsche Sprache gelernt habe! Denn zu Hause wurde ausschließlich Türkisch
gesprochen. Meine Eltern konnten kaum Deutsch und konnten mir bei den
Hausaufgaben nicht behilflich sein. Ich hatte auch keine älteren Geschwister oder
Cousins, die mich unterstützten. Während meiner ganzen Schulzeit habe ich keinen
einzigen Nachhilfeunterricht bekommen.

Mit meinem Fleiß und meinen Bemühungen war ich stets eine strebsame Schülerin.
Am Ende der Grundschule durfte ich als einzige Schülerin von den 30
Schulkameraden ins Gymnasium übertreten. Ich war überglücklich. Ich wusste, dass
ich dies meiner Leidenschaft für Bücher zu verdanken habe.

Nach einiger Zeit erfuhr ich von einem Kurzgeschichten-Wettbewerb, der von den
Münchner Stadtbibliotheken organisiert wurde. Diesen Wettbewerb wollte ich auch
nicht auslassen und machte mit. Hier erzielte ich den ersten Preis. Zu der
Preisverleihung in der Bibliothek wurden neben Zuschauern auch Journalisten und
berühmte Schriftsteller aus der Türkei eingeladen. Nach zwei Tagen fand ich beim
Lesen der Hürriyet einen Bericht über diesen Preisverleih. Die Überschrift der
Nachricht lautete: “OKSAN HAT DEN 1. PLATZ ERRUNGEN”. Mein Foto wurde mit
abgedruckt. Dies rührte mich so, dass ich einige Tränen vergoss.

Anmerkung: Die Kurzgeschichtenschreiberin hat im Sommer 2012 ihren Berufsabschluss als staatlich geprüfte Kinderpflegerin erhalten.